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Erste kleine Eröffnung im Kunsthaus Raab

München, 9. September 2018

Das Szenario der ersten Inszenierung im Kunsthaus Raab wirkt ein wenig wie das Ende der Eröffnungsfeier
eines Autohändlers. Draußen flattert silbernes Lametta, drinnen hängen Wimpelketten etwas leblos von der
Decke und seltsam derangierte Kunstobjekte liegen am Boden. An den Wänden hängen Masken, die wie
Gesichter aus den Wänden kommen, dekorierte Capes, Perücken, Hüte und am Eingang wird man von zwei
Köpfen begrüßt, einer aus Bauschaum mit abgebrochener Nase am Boden liegend, der zweite von der Decke
baumelnd wie ein Gespenst. In der einen Ecke steht ein Paar große Ohren, in der anderen drei träge
Riesenbierflaschen und im Schaufenster ein Turm der sich scheinbar am Stahlträger anlehnt. Schweremüde
wirken die Objekte, die teilweise viel zu groß sind für den Raum und in keinem wirklich passenden
Verhältnis mehr zum Menschen stehen. Die Staffelei in der Mitte stößt fast an der Decke an, die
dazugehörigen Farbtuben wirken als wären sie auf der Flucht vor ebendieser. Daneben ein normalgroßer
Wirtshaustisch mit ein paar Stühlen dazu, einer davon ist umgefallen. Man hat den fast schon vergessenen
Mief in der Nase, der rauchgeschwängert in den Klamotten und Haaren hängt, wenn man morgens nach so
einem Feste aufwacht. Und ganz vorne steht ein riesiger gelber Putzsschwamm auf dem man sitzen darf um
sich die vermeintliche Video Dokumentation des vergangenen Kunst Happenings anzuschauen.
So oder so ähnlich geht sich das Kunsthaus Raab an. Gabi Blum bespielt diesen, im Rohzustand befindlichen
Ladenraum bis Ende des Jahres mit Kunst und Paulina Nolte steht als Assistentin zur Seite. Ehemals
Schuhhaus und zuvor Wirtshaus war der Raab schon immer ein Urgestein der Donnersbergerstraße. Als
Wirtshaus liebevoll Wiba (Wittelsbacher Bierhalle) genannt, ist das Flair auch heute noch spürbar. Die alte
Stuckdecke ist wieder zu sehen, nachdem alle Einbauten des Schuhhaus Raab rausgerissen wurden.
Demoliert schaut die Decke aus, fast wie Einschusslöcher wirken die angebohrten Verletzungen. Die
Zwischennutzung in diesem Raum ergibt sich aus der günstigen Fügung heraus, dass der Laden gerade leer
steht und zusammen mit der Mieterinitiative www.baugenossenschaften-erhalten.de, die sich im Juni 2018
gründete um den Erhalt der Baugenossenschaft zu sichern, macht Blum Kunst zum Mittel und trägt als erste
Aktion mit der SPD Politikerin Diana Stachovitz und mit Bewohnern der Genossenschaft die Leinwände ins
Raab mit denen sie im April schon zusammen mit Anna McCarthy das Olympiastadion besetzte. „Ihr kriegt
uns hier nicht raus“ steht in einfachen Lettern auf den an Demobanner erinnernden Leinwänden.
Zusammengefügt ergeben sie ein Haus, welches durch einen Turm ergänzt, von mehreren Protagonisten
durch den Olympiapark und in das Stadion hineingetragen wurde. Im Raab standen die Leinwände den
Sommer über in den Schaufenstern um neben den Aushängen der Mieterinitiative auf die Schwierigkeiten
der Genossenschaft bei den Ankäufen der Erbpachtgrundstücke aufmerksam zu machen. Die Genossenschaft
machte den Raum frei für mehr Kunst und Gabi Blum stellt für den Herbst ein Programm zusammen, dass
sich mit eben dieser Problematik und den vielen damit verknüpften Themen beschäftigt: Leerstand,
Raumnutzung, Formen des Widerstands, Arbeit im Kollektiv, die Nutzung von öffentlichen und
nichtöffentlichen Räumen und immer mit der Frage im Hinterkopf: Wem gehört die Stadt?
Das Programm für den Raab wird auf der Webseite www.kunsthausraab.de einsehbar sein, ein tagesaktueller
Kalender soll zudem auch kurzfristige Ankündigungen oder spontane Öffnungen kommunizieren. Das
Konzept für den Raab ist sehr intuitiv, denn der Raum lädt alleine wegen seiner Größe zum spielen und
ausprobieren ein, das Motto: Einfach alle einladen die thematisch passen, Projekte ausstellen die bisher viel
zu wenig beachtet wurden, Retrospektiven von Kollektiven die gerade erst anfangen zu arbeiten oder auch
Vorträge über längst vergangene Projekte und Experimente sollen hier statt finden. Und in der Mitte muss
ein Wirtshaustisch stehen, das war von Anfang an klar. Auf Holzböden, echten gebrauchten miefigen
Zeltholzböden. Hier sollen sonntägliche Frühschoppen mit Kunstbetrachtung abgehalten werden, hier soll
man sich treffen, austauschen und dikutieren. Der Tisch, geliehen vom Hofbräuhaus, die Stühle aus dem
längst geschlossenen Wirtshaus Zum Wolpertinger aus Obermenzing, der schwere Vorhang auf der Bühne
aus dem zugesperrten Atlantis Kino. Alles soll geliehen oder gebraucht sein, aus Räumen die es nicht mehr
gibt, auch das ist die Thematik – das Verschwinden und Vergessen und die sich ständig wiederholende
Geschichte.
Die erste Ausstellung also rollt die Geschichte von hinten auf. Wir beginnen am Ende und Emanuel Mooner
hängt vier Neonbuchstaben im Schaufenster auf: OVER. Buchstaben von einem Schriftzug der nicht mehr
gebraucht wurde, neu kombiniert mit einer sehr passenden und hoffentlich nie eintretenden Nachricht für
den Ort, dass hier bald alles vorbei sein könnte? Die Buchstaben sind so aufgehängt, dass die neuen
pulverbeschichteten Oberflächen zum Innenraum schauen und die offenen Neonröhren nach draußen
leuchten, die dreckigen Aussenseiten wurden imprägniert damit der Schmutz nicht abfallen kann.
Gabi Blum will im Kunsthaus Raab Kunst anhäufen, noch ist es relativ überschaubar, doch bald soll sich das
ändern. Der Raum wird sich kontinuierlich füllen, je länger es geht desto voller wird es. Ab 11.9. sollen die
Top 3 Gewinner des -iV Kunstpreis zu sehen sein, den Blum mit juriert. Der Preis wird von Studenten der
Klasse Olaf Metzel ausgerufen und prämiert gescheiterte Kunstwerke. Die Studenten haben dafür einen
leerstehenden Ladenraum im Untergeschoss der Münchner Freiheit bekommen den sie im September
bespielen können. Auch wieder Leerstand und Zwischennutzung.
Die Arbeit der Klasse Markus Oehlen hat Blum direkt von der Jahresausstellung weg „gekauft“, eine Art
Musical wurde dort inszeniert. Übergroße Pappmasche-Bierflaschen und Kippenstummel schmückten den
Raum, dazu riesige Köpfe oder wahlweise Augen auf den Performern die sich zu einem geschrabbtem
elektronischem Soundteppich bewegten. Die Fragmente zur Performance sind jetzt im Raab zu sehen. Dazu
das Video der Performance deren Skript in etwa so formuliert war: „Die Unterschiedlichkeit aller hier drin
bedarf eines gigantischen Ausbruchs des ultrariesigen Potentials an Kreativität. Die Grausamkeit der hier
nachhallenden Worte der Kritik, die Angstzustände des Nichts-Könnens, des Versagens, das Erträumen von
der Möglichkeit des vielleicht doch, und die Möglichkeiten dieser riesigen „Spielwiese“ soll hier, in diesem
Musical „Die Kpnbrgsche Unterhose“ zum Ausdruck gebracht werden.“ Markus Oehlen wollte, dass seine
Klasse zur Jahresausstellung nichts Verkäufliches zeigt und Blum rief zwei Tage zu spät an, die Objekte
waren schon halb verschrottet, aber die Oehlens restaurierten ein wenig. Vielleicht ist auch genau das das
Konzept vom Kunsthaus Raab, der Kunst die sonst verschwinden würde ein Zuhause zu geben und relativ
spontan die Sammlung erweitern zu können. Eine Art Disneyland soll entstehen, nichts soll fest stehen, alles
verschiebbar sein. Der Baustellencharakter wird über den gesamten Zeitraum erhalten bleiben und am Ende
wird sich alles mischen, also dann wenn wir am Anfang sind. Es wird keine Umbaupausen geben, sondern es
wird einfach stetig hinzugefügt und alle können dabei zuschauen. Im Oktober zu den Kultüren wird sich eine
Gruppenausstellung mit fast 20 Neuhauser Künstlern dazu gesellen, ab dann wird es voll. Dazu kommen
Workshops für Kinder, Filmscreenings, Vorträge, Buchpräsentationen und Künstlergespräche.
Diese erste Ausstellung wird durch eine Bildershow der Neuhauser Geschichtswerkstatt ergänzt. Fotos vom
alten Wirtshaus, ein lustiges Faschingsfoto von 1925 und ein paar Hausansichten zeigen wie es vor ein paar
Jahrzehnten aussah. Die Donnersbergerstraße war übersäht mit Bierhallen, als die Eisenbahner dort Häuser
für ihre Angestellten bauten und als es Wörter wie Leerstand oder Zwischennutzung noch nicht gab. So fing
es hier an und nach den Wirtshäusern kam Konsum: Schuhe, Jeans, Nippes. Heute gibt es Fahrradläden, die
Vorboten der Gentrifizierung, sowie Cappuccino, Wein und Massagen. In Zeiten von Onlineshopping und
Lieferservice sterben die Geschäfte. Wie kann man weiteren Leerstand verhindern? Die Donnersbergerstraße
ist Parade Beispiel, eine Straße zum flanieren, breit, mit vielen Bäumen, Bänken und Parkplätzen. Trotzdem
schließen immer mehr Geschäfte. Auch darauf versucht das Kunsthaus Raab Bezug zu nehmen und will mit
den umstehenden Geschäftstreibenden zusammenarbeiten. Es unternimmt den Versuch alles in direkter
Nachbarschaft zu erledigen, die Raab Flyer werden im Copyshop um die Ecke gedruckt, Farben und anderes
Material beim Kolbeck gegenüber geholt, das Rahmen Center in der Schulstraße spendiert eine Rahmung für
das Bild vom Wirt und daraus entsteht die gemeinsame Ausstellungsidee nie abgeholte Bilder aus dem
Rahmenladen auszustellen.
Das Kunsthaus Raab soll Treffpunkt für die Nachbarschaft sein, ein Ort zum Austausch und vorallem soll er
gute Kunst nach Neuhausen bringen. Verweilen kann man jetzt vor allem sehr entspannt im Schaufenster auf
einem bunten Liegestuhl mit Kopfhörern. Dort hat Rebecca Erin Moran ihre hypnotische Soundarbeit
platziert. Im Fenster liegend, der Tonspur lauschend, den Flanierenden zusehend während sie in den neuen
Raab rein schauen. So oder so ähnlich ist das jetzt in in der Donnersbergerstraße 15.
Es grüßt,
Eure Wirtin
Und nicht vergessen: Kauft beim Nachbarn, sonst gibt es ihn bald nicht mehr!
Das Kunsthaus Raab dankt der Baugenossenschaft des Eisenbahnpersonals München West für die freundliche
Unterstützung, dem Hofbräuhaus München für den Tisch, dem Rahmen Center und Römer Pappen für günstige
Konditionen.